Münster, irgendwann im l6. Jahrhundert. Ein Tag im Sommer. Menschen betreten den Paulusdom. Er spendet erfrischende Kühle. Eine Hand voll Leute sitzt stumm unter dem riesigen Gewölbe. Aus weiter Feme Töne wie Silberfäden - mehr zu erahnen denn zu hören.... So oder so ähnlich darf man sich die Stunden der Andacht vorstellen, bei denen es darauf ankam: auf das Zuhören und Lauschen, auf das Stillewer-den. Genau das verlangte Maria Erdman am Donnerstagabend im kirchenkühlen Lichthof des Landesmuseums. „Leise Töne am Domlettner" war ihr Ausflug in die Renaissance überschrieben - Verweis auf die im Dom Jahrhunderte lang geübte Praxis des Musizierens auf dem Lettner, der 1870 abgebrochen wurde. Maria Erdmans Instrument: das Clavichord. Das leiseste überhaupt nur denkbare Tasteninstrument. Als sie ihr großartiges Konzert mit einem Stück aus der Tabulatur des Johannes von Lublin begann, sah man sie spielen, zu hören war nichts. Noch nichts. Aber keine Minute später schenkte das erstaunlich große Publikum der polnischen Musikerin eine Atmosphäre voller Ruhe und großer Konzentration. Und dann zogen sie vorüber, die Perlen aus alten polnischen Notensammlungen. Ruhig fließend wie das „Ar-dant amour", munter hüpfend wie der Hayduczky-Tanz oder die spritzige „Canzona" aus der Warschauer Tabulatur, bei der Maria Erdman eine meisterhafte Fingerarbeit präsentierte. Unglaublich die Sensibilität, mit der sie ihr Instrumentchen zu streicheln wuss-te. Ob auch das lustige Lied vom Schneiderlein, der seine Nadeln zählt, einst in den heiligen Hallen genehm gewesen wäre? Das „Dulcis memoria" aus der Danziger Tabulatur bestimmt. Übrigens war es Erdmans Debut auf dem Clavichord. Nie zuvor hat sie öffentlich darauf konzertiert. Und nun gleich in perfektem Ambiente, sprich: unter der beeindruckenden Rekonstruktion des Domlettners, die derzeit im Museum aufgebaut ist. Brabenders steinerne Apostel und Heilige - manchmal schien es, die flüsternden Töne des Clavichords hauchten ihnen Leben ein und sie begännen zufrieden ihren Kopf zu wiegen. Doch in Wirklichkeit war es der Sitznachbar, der von Erdmans Spiel wie in eine andere Welt gehoben wurde, im Geist auf dem Weg in den Paulusdom, irgendwann an einem Sommerabend im 16. Jahrhundert.
Christoph Schulte im Walde, „Westfälische Nachrichten“, 30.07.05
Münster ■ Musik begegnet uns im Alltag meistens eher voluminös. Ob aus Radios, MP3-Playern, Autos oder im Kino - Lautstärke erregt, Aufmerksamkeit und kostet dann und wann Nerven. Dass es auch ganz anders geht, zeigte eine Begegnung mit dem Clavichord, dem Vorläufer des heutigen Klaviers. Maria Erd-man war im Lichthof des Lan-desmuseums zu Gast und spielte Musik der Renaissance aus polnischen Tabulaturen. Vergangene Zeiten Das klang nach längst vergangenen Zeiten und wie aus weiter Ferne - denn das Clavichord ist das leiseste Tasteninstrument überhaupt. Das Rascheln der Programmhefte war lauter als die gespielte Musik, So mussten die Besucher bei den ersten. Stücken erst einmal genau hinhören, bis sie sich der minimalisti-schen Schallwellen bewusst wurden. Dementsprechend war die Aufmerksamkeit besonders hoch. Man wallte schließlich nichts verpassen. Gespielt wurde Musik aus dem 15. bis 17. Jahrhundert aus Originalnoten, die in geistlichen Bibliotheken überliefert sind. Maria Erdmans Darbietung schuf ein hauchdünnes, zerbrechliches Tongeflecht, das sich wie ein fein gewebtes Spinnennetz durch den Lichthof zog. Die kleinen und kurzweiligen Stücke von Johannes von Lublin, Josquin des Pres, Adam von Wagro-wiec und anderen waren in ihrer rhythmischen Prägnanz den Zuhörern zum Greifen nah. Erdmans Spiel schuf mit viel Raffinesse viele verschiedene Stimmungen. Am Domlettner Der Aufführangsort trug seinen Teil zur Atmosphäre bei. In der Skulpturenausstellung "Die Brabender" ist im Lichthof der so genannte Domlettner zu sehen, der bis zu seinem Abriss im Jahr 1870 das Kirchenschiff des Domes vom Altarraum trennte. Unter dem rekonstruierten Bauwerk, das auch damals als Musikempore diente, spielte Maria Erdman ihr Programm mit dem passenden Titel „Leise Töne am Domlettner". Der Applaus der begeisterten Zuhörer war um etliche Dezibel lauter.
Christoph Broermann, „Münsterische Zeitung“, 30.07.05.